Unvordenklicher Saft. Zum Sinn von Sexualität. Vortrag von Dr. Dr. Stefan Nagel

Montag, 26. November 2018, 20:00 Uhr
Hörsaalgebäude Biegenstraße, Raum +1/0030

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Der Vortrag fragt nach dem Sinn von Sexualität jenseits ihrer biologischen und sozialen Funktionen. Mit dieser Frage nach dem Sinn bewegt er sich, ohne dessen epistemischen Gehalt preiszugeben, außerhalb des naturwissenschaftlichen und auch bestimmter Formen des psychologischen und sozialwissenschaftlichen Denkens. Diesem Denken ist gemeinsam, dass in ihm Sinn und Funktion zusammenfallen oder aber Sinn für eine sinnlose Kategorie gehalten wird. Ohne die Gefahr der Etablierung einer ‚Metaphysik‘ der Sexualität zu verkennen, soll eine Analogie zum Verständnis des Problems beitragen: Die Funktion des Bauens ist die Errichtung eines Hauses, der Sinn des Bauens jenseits dieser Funktion jedoch das Wohnen. Wohnen meint als Zuhause-Sein an einem an sich fremden und womöglich sogar feindlichen Ort mehr, als sich lediglich dauerhaft in einem Haus zu bergen, meint nicht nur Behaust-Sein, es meint eine Veränderung des Zustands des Bewohners, nämlich die Überwindung von Fremdheit und den Übergang in Vertraut- und Verbundenheit, meint die Entstehung von Heimat. Übertragen auf Sexualität behauptet der Vortrag, dass der Sinn von Sexualität darin liegt, die unaufhebbare Fremdheit und Feindlichkeit eines differenten Begehrens und einer differenten Identität in Nähe zu verwandeln, in Beiwohnen. Diese Aufhebung von Differenz durch eine, wenn auch flüchtige Komplementarität des Begehrens und der Identität ist jedoch kein bloß mentales, also letztlich symbolisches Ereignis im Rahmen bestimmter Bedeutungszuweisungen, sondern ein distinkter leiblicher Akt, in dem der Leib mehr ist als die vermeintliche oder tatsächliche Epiphanie eines Symbols. Der Leib ist, er steht nicht für etwas. Das Begehren in all seiner Intensität begehrt kein (System von) Zeichen, sondern einen anderen Leib, und zwar nicht irgendeinen Leib, sondern einen geschlechtlich bestimmten und seinerseits begehrenden Leib, mit dem sich etwas Bestimmtes ereignen soll. Dabei geht es nicht um eine außerhalb der Sexualität liegende Funktion, also um Sexualität als Mittel, sondern um erfüllte Nähe um ihrer selbst willen. Dann fließt unvordenklicher Saft.

Dadurch bietet sich in der Sexualität im Gegensatz zu allen unseren sonstigen Beziehungen eine konkret und eben nicht bloß abstrakt mögliche Emanzipation aus den Banden der Natur und der Gesellschaft, die den Leib beide als Mittel zu ihren fertilen und sonstigen Zwecken verwenden und mit Begehren und Identität eine ‚natürliche‘ oder (vermeintlich daraus ableitbare) soziale Rolle und Beziehung verknüpfen. Diese emanzipatorische Option der Sexualität besteht jedoch nicht ihrer Herkunft nach, also nicht in Bezug auf Begehren und Identität. Hier bleibt Sexualität nicht nur beschränkt und absolut unfrei, sondern gründet sogar in der Bestimmtheit des Begehrens und der Identität, also ihrer Beschränktheit. Der Moment der Freiheit liegt im Selbstzweck des begehrlichen Berührens des und Berührtwerdens durch den zuvor fremden und feindlichen Anderen. Nur in der Kunst ist eine vergleichbare Begegnung möglich, aber dort nicht als sinnlich-unmittelbarer, sondern als sinnlich-mittelbarer Akt, also ohne Saft.

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Stefan Nagel, geboren 1957 in Krefeld, studierte neben Medizin auch Philosophie und Germanistik. Nach Staatsexamen und Promotion arbeitete er als Assistenzarzt in der Anästhesie und Intensivmedizin sowie in der Psychosomatik. Im Rahmen letzterer Tätigkeit erwarb er die Zusatzbezeichnungen Psychotherapie, Psychoanalyse und Sozialmedizin sowie den Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Außerdem war er vorübergehend als Dozent für Neuere Deutscher Philologie tätig. Nach langjähriger Tätigkeit in eigener Praxis kehrte er schließlich in die stationäre Psychosomatik zurück und leitet zur Zeit eine Abteilung für Psychosomatik in einer Rehabilitationsklinik. Wissenschaftlich beschäftigt er sich unter anderem mit theoretischen, ethischen, medizinischen, psychologischen und gesellschaftlichen Aspekten von Sexualität.

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Dr. Dr. Stefan Nagel (Bild: Herzenslust NRW)
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Solidarity, comrade! Queere Bewegungen und Klassenkämpfe gestern und heute

Filmvorführung PRIDE // Diskussion mit LGSM-Aktivisten // Workshop

Die Frage, wie sich die Kritik unterschiedlicher Herrschaftsverhältnisse in der widerständigen Praxis verbinden lässt, stellt sich emanzipatorischen Bewegungen nicht erst seit dem Aufkommen von Schlagworten wie „Intersektionalität“ oder „neue Klassenpolitik“ – ein eindrucksvolles Beispiel dafür bietet der Spielfilm „Pride“, der das solidarische Engagement einer Gruppe von Schwulen und Lesben an der Seite der streikenden britischen Bergarbeiter 1984 zeigt.

Zur Filmvorführung am 29. November 2018 im Marburger Capitol wird auch Ray Goodspeed, Mitbegründer der Gruppe „Lesbians and Gays Support the Miners“ (LGSM) anreisen und für ein Publikumsgespräch zur Verfügung stehen. Der Abend wird eröffnet mit einer kurzen Einführung zur Geschichte des britischen Bergarbeiterstreiks 1984/85.

Am Folgetag wollen wir uns in einem Workshop vertiefend damit beschäftigen, welche Probleme und Perspektiven sich bei der Entwicklung bewegungsübergreifender Solidarität im Lichte neuerer Diskussionen ergeben: Wie kompatibel, wie gegensätzlich sind klassen- und identitätspolitische Herangehensweisen an das Projekt der Emanzipation?

Dazu sind neben Ray Goodspeed (London)
die Kulturwissenschaftlerin Atlanta Ina Beyer (Uni Oldenburg)
und die gewerkschaftspolitische Redakteurin Mag Wompel (Labournet.de, Bochum) eingeladen.

Programm

DONNERSTAG, 29. November 2018, 18 Uhr: „Pride“ – Spielfilm über LGSM

18.00: Einführung: Stefan Schoppengerd (express), Geschichte und

Bedeutung des britischen Bergarbeiterstreiks 1984/85

18.30: Film: „Pride“ (GB 2014, 115 Minuten)

20.30: Gespräch mit Ray Goodspeed (London), 1984 Mitbegründer von

Lesbians and Gays Support the Miners

ORT: Capitol, Biegenstraße 8, Marburg

FREITAG, 30. November 2018, 16 Uhr: Solidarität: Klassen- und

Identitätspolitiken zusammendenken

16-19 Uhr: Workshop mit Beiträgen von Ray Goodspeed (London / LGSM),

Atlanta Ina Beyer (Uni Oldenburg), Mag Wompel (Labournet.de)

ORT: Hörsaalgebäude der Uni Marburg, Raum +1/0120, Biegenstraße 14

 

Veranstalter*innen:

Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung,

Schwulenreferat AStA Uni Marburg

Hilfskraftinitiative an der Uni Marburg,

Arbeitsgemeinschaft für

gewerkschaftliche Fragen (AgF),

AIDS-Hilfe Marburg e.V.,

express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit / AFP e.V.,

Arbeitsstelle Politik und Geschlechterverhältnisse,

Institut für Politikwissenschaft,

 

 

Coffeeschlecktures in der schwulen Bibliothek

unser Programm zur Reading Week im Wintersemester 2018/2019

Das Autonome Schwulenreferat verfügt über einen großen Bestand schwuler, schwulenbewegter und queerer Medien. Über 30 Jahre wurden zahlreiche Bücher, Filme und Zeitschriften gesammelt. Um diese Dokumente zugänglich zu machen, haben wir in den letzten Monaten nicht nur die Bestände geordnet und katalogisiert, sondern auch einen online abrufbaren OPAC angelegt. Zudem haben wir ein Ausleihsystem aufgebaut und bieten eine Sprechstunde an, in welcher Stöbern, Kaffee Trinken und die Ausleihe von Medien möglich ist.

Zur Reading Week bieten wir am Mittwoch, dem 21.11.2018, eine vierstündige Sprechstunde von 12-16 Uhr an, einen gemütlichen Nachmittag mit Kaffee, Kuchen und Büchern.

Das Autonome Schwulenreferat befindet sich im AStA, Erlenring 5 (direkt neben der Mensa).

Eröffnung der schwulen Bibliothek

Liebe alle,

Hiermit möchten wir Euch herzlich zur Neu-Eröffnung der Bibliothek im Autonomen Schwulenreferat einladen.

Sie findet morgen, den 24.10., um 20 Uhr natürlich vor Ort im Schwulenreferat statt.

Das Schwulenreferat verfügt über Mittelhessens umfangreichste Bibliothek schwuler, schwulenbewegter und queerer Medien. Sie umfasst an der Zahl etwa 1300 Bücher, Zeitschriften und Filme, welche in 30 Jahren Schwulenreferat gesammelt wurden. Der Bestand deckt viele verschiedene Forschungsgebiete (u.a. Geisteswissenschaften. Medizin, Jura…) ab und kann somit einen wichtigen Beitrag für schwulen- und queer-thematische Forschung in Mittelhessen leisten. Darüber hinaus bieten die Belletristik und die Filmsammlung des Bestands ein breites Angebot für die individuelle Freizeitgestaltung.

Bisher war die Zugänglichkeit und Sichtbarkeit des Bestands eingeschränkt. Doch in den letzten Monaten hat das Plenum des Autonomen Schwulenreferats Maßnahmen ergriffen. Sämtliche Medien wurden katalogisiert und sind nun online in einem OPAC einsehbar ( Link: bibliothek.schwulenreferat-marburg.de ). Außerdem wurden ein Ausleihsystem sowie eine Bibliotheks-Sprechstunde mit Beratungsangebot eingerichtet.

Aus diesem Anlass möchten wir die Bibliothek feierlich eröffnen und laden Euch herzlich ein, am 24.10., um 20 Uhr an einer Lesung mit kuriosen, charmanten, witzigen, nachdenklichen und historischen Fundstücken aus unserem Bestand teilzunehmen. Wir möchten einen Eindruck seiner Vielfalt und Qualitäten vermitteln und zugleich den Anstoß geben für einen regen Verleih.

Wir freuen uns darauf, Euch ein wenig schwule Kultur auf die Ohren zu geben!

Gemeinsam! ins Wintersemester 18/19

Das Wintersemester 2018/2019 ist da, und damit auch unser Programm. In einer Zeit, in der Rechte Meinungen immer mehr Raum bekommen, in der Nazis Hetzjagden gegen nicht-weiße Menschen veranstalten und Parteien aller Lager mit Rassismus, Sexismus und Homophobie auf Stimmenfang gehen, sagen wir: Wir lassen uns nicht spalten, gegeneinander ausspielen oder instrumentalisieren. Darum arbeiten wir basisdemokratisch und solidarisch – Für eine Gesellschaft, in der wir ohne Angst verschieden sein können. Weiterlesen

Statement: Marginalisierte Gruppen unter Beschuss: LHG und RCDS greifen autonome Referate an

In der nächsten Woche finden Hochschulwahlen statt. In der Wahlzeitung lassen sich in den Forderungen zweier hochschulpolitischer Gruppen – dem RCDS und der Liberalen Hochschulgruppe – Punkte finden, die vor allem mit rechtspopulistischen Phrasen auffallen und darüber die Arbeit autonomer Referate angreifen, diskreditieren und in Frage stellen. Das gibt uns Anlass dazu, Stellung zu beziehen.

Der RCDS, welcher sich nach eigener Aussage „zu christdemokratischen, konservativen und liberalen Werten” bekennt, fordert beispielsweise „die Abgrenzung der Hochschulpolitik von Allgemeinpolitik”, also eine Entpolitisierung der Hochschulpolitik. Es ist unschwer erkennbar, wie sehr Allgemein-, Stadt- sowie Hochschulpolitik miteinander zusammenhängen. Ein AStA, der sich nicht einmischt, wird seinem Zweck nicht gerecht. Zweifelhaft erscheint auch die Forderung zum „Erhalt der freien Diskussionskultur ohne übertriebene politische Korrektheit”. Was damit gemeint sein soll und wo der RCDS diese zu finden meint, bleibt unklar.

Der RCDS steht auch für „eine restriktivere Vergütung autonomer Referate” und schreibt sich auf die Fahne, eine angebliche „AStA Geldverschwendung stoppen” zu wollen. Die autonomen Räume im AStA und auch das intersektionale black_poc feministische Archiv sind erkämpfte Räume marginalisierter Gesellschaftsgruppen. Eine Kürzung der finanziellen Mittel ist eine Existenzbedrohung für die einzigen Räume dezidiert feministischer, und LGBTI-politischer Arbeit in Marburg.

Obwohl der RCDS in der Hälfte aller Forderungen studentische Kultur einschränken möchte, spricht er sich an späterer Stelle plötzlich für „den Erhalt studentischer Traditionen und Kultur” aus. Was unter ‚Tradition‘ verstanden wird, macht ein Blick auf die Listenkandidaten deutlich. Mindestens 50% sind in männerbündischen Studentenkorporationen aktiv. Nebst zwei Aktiven aus dem Verbindungshaus der ATV Marburg findet sich ein Korporierter der Marburger Burschenschaft Arminia. Während sich die ATV hauptsächlich aufs Saufen und Turnen unter Männern konzentriert, wird sich bei der Marburger Burschenschaft Arminia noch ganz traditionsbewusst gegenseitig das Gesicht mit scharfen Waffen demoliert. Die Arminia ist Gründungsbund der Neuen Deutschen Burschenschaft, einem nationalistischen Dachverband für Männerbünde.

Auch die Liberale Hochschulgruppe, kurz LHG, unterscheidet sich in ihren Forderungen selten vom RCDS.

Die LHG macht die angebliche Geldverschwendung besonders an den Minderheiten im AStA fest – genauer gesagt an, so gar nicht existenten, „5 LGBT-Referaten”. Derlei Argumente einer angeblich durch die schrille Minderheit unterdrückten Mehrheit (die ‚virulente Homolobby‘, die den ‚deutschen Volkskörper‘ unterdrückt) folgen derselben Logik, die im Zuge der Einführung von Antihomosexuellenparagraphen in Russland und anderen Ländern bedient wurde und ist anschlussfähig an Argumente des ultrarechten evangelikalen Flügels der AFD und darüber hinaus.

Die LHG fordert dafür aber einen „schlankeren AStA, der niedrigere Semesterbeiträge verlangt”– und zwar eben auf Kosten der Referate, die Interessenvertretung und Freiraum marginalisierter Minderheiten und Frauen* sind. Die Formulierung der „5 LGBT-Referate” lässt die Referate überflüssiger erscheinen, als eine Beschreibung der Realität der Referate es erreichen würde.

Es liest sich wie blanke Ignoranz, wenn so getan wird, als seien Autonome Referate intransparent. Das Autonome Schwulenreferat etwa finanziert als einzige schwule Struktur in ganz Mittelhessen mit einem Jahreshaushalt von gerade mal 6000€ ein umfangreiches Programm, welches in weiten Teilen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich ist. Es leistet Beratung, bietet Unterstützung bei thematischen wissenschaftlichen Arbeiten und stellt eine Bibliothek zur Verfügung, macht Antidiskriminierungsarbeit und ist basisdemokratisch organisiert.

Man kann der LHG bestenfalls Inkompetenz und schlimmstenfalls homophobe Agitation und gezielte Falschinformation vorwerfen. Für sie ist ein „AStA für Alle“ eine AStA ohne emanzipatorische Minderheitenpolitik.

Auch auf der Liste der LHG steht ein Korporierter. Dieser entstammt dem Verein Deutscher Studenten, einer Struktur, deren Gründung durch Antisemitismus angestoßen wurde.

Mit diesen Gruppen ist der Weg in die extreme Rechte schon längst geebnet.

Darum rufen wir alle Student*innen auf: solidarisiert euch mit den autonomen Referaten, informiert euch über die anstehenden Hochschulwahlen und wählt Listen, die die autonomen Referate unterstützen und sich gegen die rückwärtsgewandte Politik von RCDS und LHG stellen. Für eine Hochschule an der wir uns alle wohl fühlen können und nicht Einzelne meinen, alle zu sein.

Für eine solidarische Gesellschaft! Für mehr Freiräume! Für mehr Sichtbarkeit von Frauen* und Minderheiten! Gegen jede Form der Diskriminierung!

Autonomes Schwulenreferat im AStA Marburg.

 Wir sind noch lange nicht fertig – Statement und Forderungen des Autonomen Schwulenreferates im AStA Marburg 

Das Autonome Schwulenreferat ist die unabhängige Selbstvertretung schwuler und bisexueller Studenten an der Philipps-Universität Marburg und setzt sich als solche für eine diskriminierungsfreie Universität und eine diskriminierungsfreie Gesellschaft ein. Das Autonome Schwulenreferat sieht sich in der Tradition der zweiten Schwulenbewegung in Deutschland und steht daher für eine solidarische Politik und eine Gesellschaft in der wir „angstfrei verschieden sein“ können.  Weiterlesen