Antimuslimischem Rassismus keine Bühne bieten: Gegen Dr. Susanne Schröters Vortrag zum „Politischen Islam“ an der Philipps-Universität Marburg

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Am 05. Februar 2020 veranstaltet das Fachgebiet Religionswissenschaft und die Religionskundliche Sammlung einen Vortrag mit dem Titel „Politischer Islam. Stresstest für Deutschland“ in der Universitätsbibliothek Marburg. Referentin ist Prof. Dr. Susanne Schröter.
Dr. Susanne Schröter ist bereits in der Vergangenheit durch Aussagen sowie die Organisation von Veranstaltungen aufgefallen, welche als antimuslimisch-rassistisch kritisiert wurden. Ein Beispiel dafür ist der Kongress „Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“ welcher im Mai des letzten Jahres auf Schröters Initiative in Frankfurt stattfand. Im Rahmen des Kongresses sollte beide Seiten, also der von Befürwortern des Kopftuchs sowie der von denen, die das Kopftuch zum regressiven Symbol erklären, teils gar Kopftuchverbote fordern, Raum geboten werden – allerdings wurde der Position gegen das Kopftuch mehr Raum, mehr Redezeit geboten, es wurden mehr Rednerinnen geladen, die eine entsprechende Position vertreten haben. Vor dem Hintergrund, dass Schröter selbst das Kopftuch als „systemisches Symbol für etwas Repressives“ sieht, drängt sich der Verdacht auf, dass es bei dem Kongress nie um eine ausgewogene Diskussion ging. Neben Schröter hat auch Necla Kelek gesprochen, eine Publizistin, die ein Kopftuchverbot für Minderjährige fordert. [1] Außerdem wurde Alice Schwarzer eingeladen, die in der Vergangenheit des Öfteren durch rassistische Aussagen aufgefallen ist und im Rahmen der Konferenz in Frankfurt in eine Auseinandersetzung mit einer Muslima geriet. In der Diskussion berührte Schwarzer ihr Gegenüber; den Hinweis ihres Gegenübers, nicht berührt werden zu wollen, belächelte Schwarzer nur und entgegnete: „Ich dachte, nur ein Mann darf Sie nicht anfassen“. Hinweise darauf, dass ihr Verhalten rassistisch und übergriffig gewesen sei, wies sie zurück. [2]
Die Auswahl an den von Schröter zur Konferenz geladenen Referentinnen kann auch noch in anderer Hinsicht kritisiert werden, nämlich in der, dass es sich bei diesen um keine Personen handelte, die eine wissenschaftliche Expertise mitbringen, sondern um Aktivistinnen. [3]
Indem Schröter sich auf der Seite von „Islamkritiker*innen“ und Befürworter*innen eines Kopftuchverbotes positioniert, positioniert sie sich auch gegen die Religionsfreiheit und verwehrt Frauen* das Recht auf Selbstbestimmung (die Behauptung, dass die Mehrheit der Kopftuchträgerinnen* dazu gezwungen werden, dieses zu tragen, ist empirisch nicht haltbar). Dies bedient außerdem das in den öffentlichen Debatten im Westen häufig anzutreffende Stereotyp der „unterdrückten arabischen Frau“ (das historisch immer wieder auch der Rechtfertigung von kolonialem Handeln diente); reale Veränderungen weiblicher Lebenswelten in der arabischen Welt spielen in den westlichen Debatten häufig keine Rolle. Die Debatte über das Kopftuch beispielsweise verstärkt die Vorurteile nur. [4]
Auf studentische Kritik an dem Kongress reagierte Schröter in einem Interview mit der Aussage, dass es eine Kampagne gegen sie gäbe, die Mustern folgt, mit welchen der Islam weltweit versuche, Kritiker mundtot zu machen: „Dafür werden Kampfbegriffe wie ‚antimuslimischer Rassismus‘ oder ‚Islamophobie‘ benutzt. International sind die Mullahs des Iran, Erdogan und einige Kreise in der Golfregion Stichwortgeber solcher Kampagnen.“ [5] Damit diffamiert sie ihre Kritiker*innen, indem sie sie in eine Ecke mit islamischen Regimes stellt, deren Mission es sei, Kritik am Islam zu verunmöglichen. Der Vorwurf des Rassismus wird zum „Kampfbegriff“ erklärt, hinter welchem es keine Grundlage gäbe. Stattdessen identifiziert Schröter den Rassismus an anderer Stelle: Sie meint, dass im Umfeld von Anhängern der postkolonialen Theorie ein „neuer Rassismus“ begründet wurde: „Das Feindbild vom ‚alten, weißen Mann‘ ist so eine rassistische Konstruktion.“ [6] Indem sie beispielsweise alte, weiße Männer zu den Opfern von Rassismus erklärt, ignoriert sie, wie Rassismus funktioniert und dass es sich bei diesem immer um ein gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis und die Vorherrschaft einer dominanten Gruppe gegenüber einer marginalisierten handelt. Sie sagt außerdem selber, dass sie die Zeiten, in denen Rassismus salonfähig war, als überwunden ansieht. Ebenso sieht sie die Zeiten als überwunden an, in denen Männer in den Machtverhältnissen dominiert haben; heutzutage sei in vielen Bereichen Gleichberechtigung erreicht, in einigen seien Männer gar benachteiligt. [ebd.] Letzteres zeigt erneut Schröters stereotypen Blick auf die Thematik: Sie stellt den angeblich freien Frauen* im grundsätzlich fortschrittlichen Westen die hilflosen, unterdrückten Anderen in der patriarchalen arabischen Welt gegenüber. Dies führt zu einer Idealisierung der Situation der Frauen* im Westen und erkennt die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Lebensrealitäten von Frauen* in anderen Kulturen nicht an (es lässt sich nicht abstreiten, dass der Islam – wie alle anderen Religionen auch – patriarchale Strukturen verfestigt hat, aber es ist problematisch, an der Stelle zu pauschalisieren, Komplexitäten nicht anzuerkennen und patriarchale Strukturen in ‚anderen Kulturen‘ aber nicht mit Bezug auf den Westen auszumachen). [7]
Grundlegend fragwürdig auch mit Bezug zum Vortrag, der in Marburg stattfinden soll, ist der verwendete Begriff des „Politischen Islams“. Schröter betont auch in Interviews, dass es ihr nicht um „den Islam“ als Religion gehe, sondern um „den politischen Islam“, den sie für eine gefährliche Strömung halte. [8] Allerdings ist der Begriff des „politischen Islams“ einer, zu dem es bisher an wirklich wissenschaftlichen Auseinandersetzungen fehlt. Eine feststehende Definition gibt es nicht. Publikationen zum „politischen Islam“ haben jedoch in der Regel beispielsweise gemeinsam, dass Islam und Muslime als Problem angesehen werden und dass sie einer Wir-ihr-Logik folgen. [9]
Wir denken nicht, dass Schröters Vortrag ein sachlicher, wissenschaftlich wertvoller Beitrag zur Thematik sein wird, sondern befürchten, dass der Vortrag von Populismus und rassistischen Pauschalurteilen geprägt sein wird. Es geht bei der Kritik an der Veranstaltung nicht darum, eine Diskussion zu verunmöglichen, sondern darum, zu hinterfragen und zu kritisieren, dass in Zeiten, in denen gesellschaftlich bereits ein antimuslimisches Klima vorherrscht, welches von Parteien von der CDU bis zur AfD befeuert wird und ganz real zu antimuslimischen Angriffen führt, auch im akademischen Rahmen derartigen Positionen weiterhin zusätzlicher Raum geboten werden soll.

[1] https://taz.de/Kopftuchkonferenz-an-Uni-Frankfurt/!5590822/
[2] https://ze.tt/ihr-uebergriff-auf-eine-junge-muslima-zeigt-wie-rassistisch-alice-schwarzer-ist/
[3] https://de.qantara.de/inhalt/kopftuchdebatte-in-deutschland-versachlichung-statt-polarisierung?page=0%2C1
[4] https://de.qantara.de/inhalt/westliche-bilder-%C3%BCber-arabische-frauen-es-lebe-das-stereotyp
[5] https://www.tichyseinblick.de/daili-es-sentials/interview-susanne-schroeter-der-politische-islam-will-ein-klima-der-angst/?fbclid=IwAR24xew-PHMPOpfBlCCuuZsA9O7IoqDDmbzschp6H9PXvq2ZjYZl1VtwbO8
[6] https://taz.de/Forschung-zum-politischen-Islam/!5608768/
[7] https://de.qantara.de/inhalt/westliche-bilder-%C3%BCber-arabische-frauen-es-lebe-das-stereotyp?page=0%2C1
[8] https://taz.de/Forschung-zum-politischen-Islam/!5608768/
[9] http://www.islamiq.de/2019/06/23/politische-islam-ein-kampfbegriff/

Unterzeichner*innen:

Autonomes Schwulenreferat im AStA Marburg
Intersektionales Black_PoC feministisches Archiv
SDS.dielinke Marburg
Allgemeiner Vorstand des AStA Marburg