Wir sind noch lange nicht fertig – Statement und Forderungen des Autonomen Schwulenreferates im AStA Marburg 

Das Autonome Schwulenreferat ist die unabhängige Selbstvertretung schwuler und bisexueller Studenten an der Philipps-Universität Marburg und setzt sich als solche für eine diskriminierungsfreie Universität und eine diskriminierungsfreie Gesellschaft ein. Das Autonome Schwulenreferat sieht sich in der Tradition der zweiten Schwulenbewegung in Deutschland und steht daher für eine solidarische Politik und eine Gesellschaft in der wir „angstfrei verschieden sein“ können. 

In Marburg sowie in der gesamten Region Mittelhessen ist das Autonome Schwulenreferat der letzte dezidiert schwule Raum seiner Art. Andere Räume wurden insbesondere in der Folge von Gentrifizierung und Marktlogiken verdrängt und zerstört. Dabei sind Räume, in denen Communitybuilding und politische Interessensartikulation möglich sind gerade für Angehörige sexueller Minderheiten in einer homophoben Gesellschaft von entscheidender Bedeutung. Das Autonome Schwulenreferat kommt dieser Aufgabe seit nunmehr 29 Jahren nach. Es handelt sich dabei um einen Raum der im Zuge emanzipatorischer Kämpfe errungen wurde. Auch heute bedarf es der Räume für Angehörige sexueller Minderheiten sowie für trans*idente Menschen. Wir fordern die Stadt Marburg dazu auf, sich für den Ausbau von Community-Ressourcen einzusetzen. Solidaritätserklärungen sind gut, doch bedarf es auch der echten Unterstützung unserer Anliegen. Wir fordern mehr Geld und mehr sichtbaren Einsatz für die Belange unserer Communities! Wir fordern die Verantwortlichen in Stadt und Land dazu auf, sich mit Vertreter*innen der Communities zu treffen, und ihnen Unterstützung in der Umsetzung ihrer Anliegen ganz konkret anzubieten, und diese Anliegen dabei nicht einfach anzueignen. Dazu bietet das Autonome Schwulenreferat seine langjährige Expertise gerne an und freut sich auf Gesprächsangebote. 

Die Philipps-Universität ist als Bildungsstätte und auch als Lebensraum ein zentraler Ort der Diskriminierungserfahrungen von schwulen und bisexuellen Studenten. Seit mehreren Jahren wird dabei darüber diskutiert, dass es eine Antidiskriminierungsstelle an der Universität geben muss. An vielen dieser Prozesse hat sich das Autonome Schwulenreferat beteiligt. Es ist Beschluss der Universität für die Antidiskriminierungsarbeit nur eine Stelle zur Verfügung zu stellen. Nach einem solchen diskursiven Aufwand und im Wissen der prekären Lage Vieler an der Universität, die Diskriminierung tagtäglich erleben, empfinden wir es als eine beschämende Abspeisung, dass nur eine Stelle geben soll. Es ist lange bekannt, dass diskriminierungsarme Orte bessere Lernorte sind. Antidiskriminierung als Sparmaßnahme ist nichts als ein Feigenblatt für all jene diskriminierenden Praktiken, die tagtäglich in Universität stattfinden. Wir zeigen uns darüber konsterniert, dass der Schaffungsprozess nach so vielen Jahren immer noch nicht abgeschlossen ist. Wenn die Universität ein tatsächliches Interesse an einer Arbeit gegen Diskriminierung hat, kann es nicht sein, dass ein Prozess sich so sehr zieht. Wir fordern eine schnelle Umsetzung und eine umfassendere Ausstattung in der Schaffung einer Antidiskriminierungsstelle. 

In der Stadt Marburg sind schwule, lesbische, bisexuelle, trans* und intersexuelle Menschen weitestgehend unsichtbar. Aus diesem Grund fordern wir, dass der Christopher Street Day 2019 in Marburg stattfindet. Dazu bedarf es insbesondere verlässlicher Zusagen von Land und Stadt, dass die Veranstaltung finanziert wird. 

Mit Blick auf die rassistischen Debatten um die Lahntreppen, die in den letzten Jahren immer lauter geworden sind, fordern wir Studentenwerk, Universität und Stadt dazu auf, sich mit solidarischen Lösungsansätzen zu befassen, anstatt rassistischen Argumenten ewiggestriger Hetzer Raum zu geben. Immer wieder fällt auf wie die Polizei einfach aufgrund rassistischer Stereotype Menschen auf dem Mensagelände und auf den Lahntreppen mit Ausweiskontrollen und anderen Formen von Schikane kompromittiert und stigmatisiert. Das muss ein Ende haben! Statt das Narrativ der „gewalttätigen Ausländer“ zu bedienen, fordern wir das eigentliche Problem beim Namen zu nennen: Prekarisierte Jugendliche werden auch in Marburg an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Es gibt keine Zufluchts- und Sozialräume, keine Freiräume für einen großen Teil einer ganzen Generation, die ansonsten aus dem Stadtkern verdrängt und auf die angelegenen Hügel verbannt ist. Wir fordern mehr soziale Räume, mehr sozialen Wohnraum und eine gezielte Förderung von zielgruppenspezifischen Maßnahmen. Als Schwulengruppe, deren Raum unmittelbar im als „Gefahrengebiet“ diskutierten Radius unterhält, wissen wir um das Problem der Gewalt, die von randalierenden Männergruppen ausgeht. Diese Art der Gewalttätigkeit ist nicht etwa „importiert“. Sexismus, Homophobie, Trans*phobie und Rassismus sind originäre Probleme in Deutschland, unabhängig von der Hautfarbe. Für konstruktive Lösungsprozesse stehen wir mit unserer Expertise allen verantwortlichen Gremien gerne zur Verfügung. 

Für eine solidarische Gesellschaft! Für mehr Freiräume! Für mehr schwule und bisexuelle Sichtbarkeit! Gegen jede Form der Diskriminierung! 

Autonomes Schwulenreferat im AStA Marburg. 

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