Liberaler Westen, Homophober Islam?

Eine Einführung in die Geschichte muslimischer Geschlechts- und Sexualitätskonzepte

Vortrag am 14. November 2016, 20:00 Uhr im Hörsaal +1/0030 im Hörsaalgebäude auf der Biegenstraße.

Das Attentat auf den hauptsächlich von LSBT*IQ-Personen besuchten Club „Pulse“ in Orlando, aber auch aktuelle Diskussionen um Burka- und Burkiniverbote haben das Verhältnis von Muslimen zu Körperlichkeit und Sexualität im Allgemeinen und insbesondere sexueller und geschlechtlicher Vielfalt verstärkt in gesellschaftliche Wahrnehmung gerückt. Muslimische Gesellschaften der Gegenwart scheinen in besonderem Maße homo- und trans*phob zu sein. Diskriminierung und Verfolgung auf Grund sexueller oder geschlechtlicher Identität kann dabei verschiedene Formen annehmen: von nicht-staatlich organisierter Diskriminierung und familiärer Gewalt bis hin zur offenen Verfolgung durch religiöse und staatliche Institutionen und dem Einsatz von Folter und Todesstrafe. Die Anzahl von Menschen aus muslimischen Gesellschaften, die aus diesem Grund nach Europa fliehen, wächst.

Ist der Islam also inhärent homo- und trans*phob? Der Vortrag wird zuerst einen Blick auf Mehrdeutigkeiten und Leerstellen in der Auseinandersetzung klas­sischer islami­scher Gelehrsamkeit mit Fragen zu rechtmä­ßigem und unrechtmäßi­gem Sex werfen, die dieses Bild verkomplizieren. Historische Quellen, aber auch aktuelle ethnologische Forschungen wiedersprechen ebenfalls einer Kulturalisierung von Homo- und Trans*phobie als ‚inhärent’ islamisch und zeigen eine große Bandbreite von Geschlechterrollen und Sexualitätskonzepten in der Islamischen Welt auf – von Albanien bis nach Pakistan und Indonesien. Noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert zog es europäische Reisende in den ‚Orient’, um der Repression und Prüderie des bürgerlichen Europa zu entfliehen.

 

Doch wie lassen diese scheinbaren Gegensätze verstehen? Hierzu wird der Vortrag einen Blick auf die Politisierung des Felds von Sexualität und Geschlecht seit dem Kolonialismus werfen – und der Frage nachgehen, warum es bei der Verfolgung von LSBT*IQ-Personen in muslimischen Gesellschaften heute um weit mehr geht als ‚nur’ Sexualmoral.

 

Danjiel B. Cubelic

 

Institut für Religionswissenschaft, Universität Heidelberg

Advertisements